Theaterbericht 3. Sek
Sekundarschule
Dürrenmatt wollte den Kriminalroman beerdigen. Wir wollten einfach unter der Woche mal raus. Am Ende hatten beide Seiten Erfolg: Unser Deutschkurs reiste an einem Mittwochabend nach Winterthur, um «Das Versprechen» auf der Bühne zu erleben. Mit dabei: ein ganzer Klassensatz Vorwissen und ein leiser Verdacht, dass der Abend kulinarisch noch überraschen könnte.
Erst die Pflicht: Wer erzählt hier eigentlich?
Die Lektüre war kein Spaziergang. Dürrenmatt erzählt auf mehreren Ebenen und wechselt die Perspektive so elegant, dass man manchmal erst nach drei Seiten merkt, wer gerade am Wort ist. Wir haben im Unterricht ziemlich detektivisch gearbeitet: Wer berichtet? Wem glauben wir? Und wem lieber nicht? Wer das Buch gelesen hat, kann sich bei der Spurensuche jedenfalls nicht mehr beschweren.
Die Anreise: erstaunlich unspektakulär
Normalerweise gehören bei Schulausflügen verpasste Anschlüsse und verlorene Mitschüler zum Programm. Diesmal klappte alles wie am Schnürchen. Kein Chaos, keine Verspätung, kein Drama. Fast schon verdächtig für einen Abend, der von einem Kriminalroman handelt.
Das Theater: Wenn Figuren plötzlich Gesichter haben
Spannend war vor allem, Figuren live zu sehen, die bisher nur in unseren Köpfen gewohnt hatten. Die Aufführung kam bei der grossen Mehrheit sehr gut an, ganz einig waren wir uns aber nicht. Manche vermissten Action, andere fanden einzelne Monologe etwas langsam. Dazu kam ein Nebeneffekt, den man nur hat, wenn man das Buch schon kennt: Wir wussten, wie es ausgeht, so ähnlich, wie wenn man im Kino neben jemandem sitzt, der laut mitflüstert.
Trotzdem hatten gerade die langsamen Momente ihre Wirkung. Die Figuren brauchten Zeit zum Nachdenken, und wir im Publikum konnten dadurch besser verstehen, was in ihnen vorging. Dürrenmatt hat eben nie behauptet, dass Spannung nur mit Tempo funktioniert.
Das Buffet: der eigentliche Plot-Twist
Und dann kam der Teil, den im Buch niemand vorhergesagt hatte. Weil es eine Premiere war, gab es nach der Vorstellung Getränke und einen Apéro riche, und «riche» war keine Übertreibung, sondern eine Ansage. Das Buffet war so grosszügig, dass man sich problemlos hinsetzen und in Ruhe schlemmen konnte. Besonders die Blätterteig-Kreationen waren fast schon gourmetverdächtig. Wer glaubt, Theater sei nur etwas für den Kopf, wurde hier eines Besseren belehrt: Auch der Magen durfte mitdiskutieren.
Beim Essen blieb zudem Zeit, die Eindrücke zu vergleichen. Wer eben noch fand, die Monologe seien zu lang, wurde von der Fraktion «Das war Absicht!» charmant widerlegt. Mit Blätterteig in der Hand lässt sich eben besonders gut argumentieren.
Fazit: Ein Abend mit Geschmack
Spät am Abend waren wir wieder zurück, müde, satt und mit mehr Gesprächsstoff im Gepäck, als in die Rucksäcke passte. Das Versprechen wurde gehalten, und zwar in allen Gängen.
